ITW 2027: Die Kette muss jetzt geschlossen werden
Die Initiative Tierwohl (ITW) tritt in der Schweinehaltung in eine entscheidende Phase ein. Ab 2027 gilt die verpflichtende durchgängige Nämlichkeit, gleichzeitig wird die Finanzierung vollständig auf ein Marktmodell umgestellt. Für die süddeutsche Wertschöpfungskette bedeutet das: Die Strukturen müssen jetzt stehen – sonst drohen spürbare Verwerfungen und Vermarktungsmöglichkeiten könnten nachhaltig beeinträchtigt werden.
Fortschritte – aber noch keine geschlossene Kette
Ende 2025 konnten Ferkelerzeuger erneut in die ITW einsteigen. Bundesweit meldeten sich 198 Betriebe mit rund 2,7 Millionen Tieren an – ein wichtiges Signal. Dennoch bleibt eine strukturelle Lücke: Mit den aktuellen Teilnehmerzahlen ist nicht sichergestellt, dass alle ITW-Mäster ausschließlich ITW-Ferkel beziehen können. Genau das ist jedoch ab 1. Januar 2027 Voraussetzung.
Künftig dürfen Schweine nur noch dann als ITW-Tiere vermarktet werden, wenn sie vom Sauenhalter über die Aufzucht bis zur Mast durchgehend unter ITW-Bedingungen gehalten wurden. Gleichzeitig endet zum 31.12.2026 der ITW-Ferkelfonds. Damit treffen strukturelle und finanzielle Umstellung zeitgleich zusammen.
Herausforderungen für Bayern
Seit April 2025 gilt in der Mast ein Bonussystem: Für ausschließlich ITW-Ferkel gibt es 7,50 Euro je Mastschwein statt 6,00 Euro. Das setzt Anreize für geschlossene Ketten – hilft jedoch nicht, wenn die Mengen fehlen.
Gerade in Süddeutschland besteht derzeit eine deutliche Unterdeckung an ITW-Ferkeln. Wird diese Lücke nicht geschlossen, drohen Bonusverluste und Einschränkungen in der Vermarktung. Besonders kritisch wäre ein Verlust der GQ+/ITW-Vermarktung (Geprüfte Qualität Bayern) und dessen Zuschlagssystem mit Folgen für Erzeugung, Mast, Schlachtung und Absatz. Erlöse, Investitionsbereitschaft und Planungssicherheit könnten spürbar leiden.
Zudem müssen sich stabile Lieferbeziehungen zwischen ITW-Ferkelerzeugern und ITW-Mästern erst entwickeln. Verlässliche Mengen, klare Vereinbarungen und längerfristige Partnerschaften sind Voraussetzung für eine funktionierende Nämlichkeit – das braucht Zeit. Eine parallele Umstellung auf vollständige Marktfinanzierung erhöht den Druck zusätzlich.
Gemeinsame Verantwortung entlang der Kette
Nämlichkeit ist kein bürokratisches Detail, sondern Grundlage einer funktionierenden Wertschöpfungskette. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel setzt weiterhin ganz klar auf die Initiative Tierwohl und deren Durchgängigkeit vom Ferkel bis hin zum Schlachtschwein. Fehlt eine Stufe, gerät das gesamte System ins Ungleichgewicht.
Jetzt braucht es enge Abstimmung in der Lieferkette von der Sauenhaltung über Aufzucht und Mast bis hin zu Schlachtung und Vermarktung. Produktionsentscheidungen müssen sich an realer Nachfrage orientieren, Mengen koordiniert und Risiken fair verteilt werden.
Konkret bedeutet das für alle Betriebe der Lieferkette:
- Die gesamte Lieferkette muss aktiv darüber informiert werden, dass ab 2027 die durchgängige ITW-Nämlichkeit verpflichtend ist.
- Mäster sollten jetzt das Gespräch mit ihren Ferkelerzeugern suchen und klären, ob eine ITW-Teilnahme über alle Stufen hinweg sichergestellt ist.
- Bestehende Lieferbeziehungen müssen überprüft und verbindlich abgesichert werden, damit eine kontinuierliche Versorgung mit ITW-Ferkeln gewährleistet ist.
- Allen Beteiligten muss bewusst sein: Ohne durchgängige ITW-Teilnahme drohen der Verlust von Zuschlägen, Bonuszahlungen und Honorierungsmöglichkeiten – mit direkten Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit der gesamten Liefer- und Wertschöpfungskette.
2026 als Schlüsseljahr
Tierwohlprogramme müssen langfristig marktkonform finanziert werden. Doch Übergänge dürfen Strukturen nicht überfordern. 2026 entscheidet sich, ob ausreichend ITW-Ferkelerzeuger eingebunden, stabile Lieferketten aufgebaut und die Nämlichkeit organisatorisch abgesichert werden können.
Die ITW ist ein Kettenprogramm. Nur wenn alle Glieder zusammenwirken, kann 2027 ein Schritt in Richtung Stabilität und Marktintegration gemacht werden. Jetzt ist gemeinsames Handeln gefragt.
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